Formine

Rina Pedroni
Fensterlaeden

gelangten zwei Wanderer aus Bremen zufällig in das kleine Bergorf Formine. Keine Straße, keine Bewohner, aber eine wunderschöne Lage im Kastanienwald und in Hanglage über dem Lago. Der große rote Hotelbau lud dazu ein, Vorstellungen für eine Nutzung zu entwickeln.

1980 gründete sich der Verein zur Förderung des deutsch-italienischen wissenschaftlichen und kulturellen Austauschs e.V. und begann mit dem Wiederaufbau der Häuser und der Errichtung einer Infrastruktur. Auch die italienischen Familien

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nahmen die Nutzung ihrer Häuser wieder auf.

Die Familien Pazzi, Combatti und Destefani bauten, renovierten und legten wieder Garten an. Sie nutzen ihre Häuser seither als Sommerwohnsitz.

Bei den übrigen verlassenen Häusern fand der Verein mit viel Mühe nach und nach die Besitzverhältnisse heraus und vermittelte den Kauf an Interessierte, um die Bauten zu sichern und einen lebendigen Zusammenhang zu fördern. Die gesamte Erhaltung des Dorfes und der Befestigungs-Terrassen sowie die Energieversorgung und der Teleferica-Betrieb sollten dadurch auf viele Schultern verteilt und gesichert werden. Neben dem großen Altbau- und Hotelareal des Casa Rossa gab es Eigentümergemeinschaften im Studentenhaus, der Mailänder Villa und der Frankfurter Schule. Weitere Häuser wurden erschlossen.

Viele Gruppen und Seminare haben in Formine seither kulturell oder wissenschaftlich gearbeitet oder dort auch nur einen Ferienaufenthalt gesucht. Eine Generation ist mit dem Projekt aufgewachsen und damit besonders verbunden.

Das verlassene Dorf

Die älteren Mitglieder der italienischen Familien hatten ihre Kindheit noch in Formine zugebracht. Der Mangel an Perspektiven hat sie bewogen, sich an anderen Orten, z.B. in Mailand, niederzulassen und dort zu arbeiten.

Vor dem Krieg gab es eine hoffnungsfrohe Phase des Dorfes durch die Heirat der Rina Pedroni mit dem gutsituierten englischen Mayor Brown. Rina errichtete einen großen Hotelbau und fügte ihn mit dem verschachtelten Altbaukomplex zusammen zum Casa Rossa, um von dem stärker werdenden   →

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Tourismus am Lago Maggiore zu profitieren. Auch die Mailänder Villa, der schönste Bau in Formine, geht auf Rina Pedroni zurück.

Sie nannte das Haus mit dem ersten kleinen Hotelbetrieb "Villa Denis" (nach ihrem Sohn) oder auch" Casa Rina". Doch ihre Planung brach mit dem Ausbruch des Krieges und der Verschlechterung der Wege nach dem Erdrutsch zwischen San Bartolomeo und Formine zusammen. Rina Pedroni hatte sich wirtschaftlich überhoben und mußte die Mailänder Villa an die vielen Gläubiger abgeben. Der Pharmazie-Unternehmer Prof. Martignoni übernahm das Haus und lebte dort mit Dienerschaft und Komfort. Rina Pedroni blieb dennoch in Formine und wohnte in einem Teil des Casa Rossa, zurückgezogen und in Armut. 1954 nahm sie sich das Leben, indem sie sich einen Hang hinunterstürzte.

Der Hotelbau wurde nur über eine kurzen Zeit in

Betrieb genommen - als ein Erholungsheim.

Bewirtschaftung

Der Name Pedroni ist mit der Freskenmalerei verbunden. Formine und die Nachbarorte hatten einige erfolgreiche Freskenmaler, die ihre Aktivitäten oft weit über die Grenzen ausdehnten. Auch Mario Zanni, der in Paris und in Berlin arbeitete, ist hier ein Beispiel.

Viele Jahre setzte man alle Anstrengungen daran, am Berg durch den Bau von Terrassen Boden zu gewinnen, um Gemüse anzubauen und Weideflächen für die Tiere zu erhalten. In Formine wurden nicht nur Ziegen und Schafe (Casetta Capra und Beckhaus), sondern zeitweilig sogar Kühe gehalten. Die Wege waren für den Transport mit Eseln ausgelegt.

Bei großen Transporten boten auch die Frauen ihren Dienst als Trägerinnen an. Viele der Frauen   →

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arbeiteten in der Tabakfabrik in Brissago. Die Kastanien wurden systematisch geerntet, im Seitenzimmer des Casetta Capra gedörrt und auf den Märkten angeboten.

Ein Lager mit geflochtenen Schuhen, das unterhalb der Osteria gefunden wurde, deutet auf handwerkliche Aktivitäten und Handel.

Der Wald wurde intensiv bewirtschaftet. Männer waren mit dem Schlagen des Holzes, Frauen und Kinder als Hilfen beim Transport beschäftigt. In allen Dingen herrschten strikte Eigentumsverhältnisse und Nutzungsrechte, so dass es ein großes soziales Gefälle und Armut gab.

In den ersten beiden Jahrzehnten der Nachkriegszeit verwaiste der Ort und es endete die Bewirtschaftung. 1964 gab es noch eine letzte Einwohnerin im Casa Pedroni. Die vorher angelegten Terrassenflächen überwucherten und zerfielen bei Unwettern.

Kriegsende in der Region

"In dem kriegsgeschüttelten Jahr (1944) war es Partisanen-Formationen gelungen, eine kleine, selbstverwaltete Republik zu schaffen. Es handelte sich praktisch um eine Keimzelle der späteren italienischen Republik. Parlamente wurden eingerichtet, in denen Dorfräte die Verantwortung übernahmen.

Die Partisanenrepublik Ossola wurde am 10. September 1944 proklamiert.

Das am Südfuss des Simplon gelegene Domodossola war die "Hauptstadt" dieser Republik, die damals diesen Namen gar nicht trug, sondern sich einfach "Zona liberata", befreite Zone, nannte.

Das Gebiet reichte vom Monte Rosa über Verbania bis nach Cannobio am Lago Maggiore: Zirka 1600 Quadratkilometer mit 75 000 Einwohnern.   →

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Doch das Experiment dauerte nicht lange. Nach nur 40 Tagen, am 23. Oktober 1944, wurde das befreite Gebiet von der deutschen Wehrmacht mit Unterstützung italienischer Faschisten in der Operation "Avanti" zurück erobert. Eine Hetzjagd auf die Partisanen und die Bevölkerung begann." (swissinfo.org)

Kriegsende in Formine

Auch die Einwohner von Formine waren in die Schweiz geflüchtet, um nicht einem deutschen Kommando in die Hände zu fallen, das sich in Formine niederließ. Die Deutschen hatten offenbar die Aufgabe, den Ort wegen des Grenzverkehrs und als Unterschlupf des Widerstandes unbewohnbar zu machen, gleichzeitig benötigten sie jedoch ein Quartier.

Dem Padre von San Bartolomeo Don Giovani Elena

und dem Turiner Professor Don Andrea Bava gelang es, die Zerstörung zu verhindern. Die Bedingung der Deutschen dafür war jedoch die Rückkehr der Einwohner ins Dorf, die dann auch wirklich erfolgte. Nach kurzer Zeit wechselte das deutsche Kommando nach Cannobio und belegte dort das Waisenhaus.

Gianni und Mario Pazzi haben die letzte Kriegsphase und die Nachkriegszeit vor Ort als Jugendliche erlebt und erinnern sich. Das "Refugio Pazzi ", der Wohntrakt am Casa Rossa, den die Familie Pazzi nach der Flucht aus Mailand zum Ende des Krieges in Formine übernahm, wurde ergänzt durch das Nebenhaus, beides jetzt bereits im Besitz der nächsten Generation. Gino Jelmoni, der in der Gegend aufwuchs (kleiner Junge auf dem historischen Foto) und später hier als Anwalt tätig war, gibt den besten Überblick über Geschichte und Entwicklung.

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